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Leseprobe
Hier ein Ausschnitt aus der in der Anthologie "Projekt Mensch" veröffentlichten Kurzgeschichte "Der blinde Allsehende":
Ich sehe alles. Wirklich, alles. Nichts entgeht mir. Nicht einmal ein Wimpernzucken, ein Haar im Wind, eine Obstfliege im Tiefflug.
Ich kann meine Augen nicht schließen. Kann meine Augenlider nicht herabsenken. Ich kann sehen, ja, nein, ich muss sehen. Ich kann nichts übersehen. Ich bin allsehend. Ich kann meinen Kopf zwar wegdrehen, aber aus den Augenwinkeln bekomme ich doch alles mit. Alles. Ich sehe alles. Ich kann nichts nicht sehen. Meine Augenlider sind an meine Augenbrauen genäht, um meine Augen offen zu halten. Für immer. Für immer die schmerzenden Bilder aufnehmen müssen, keine Ruhe vor dem Grauen zu haben – das ist mein Schicksal. So haben sie es mir gesagt.
Ich bin der Allsehende.
Man gewöhnt sich an Schlafen mit offenen Augen. Man gewöhnt sich an das Jucken der trockenden Augen, weil es keine Augenlider gibt, die es schützend befeuchten. Man gewöhnt sich an das ständige Zucken der Augenbraue, weil das daran genähte Lid sich wieder über die Linse legen will. Aber man gewöhnt sich nicht an den Ansturm der Bilder, die das Gehirn überfluten, die sämtliche Synapsen ständig beschäftigen, die niemals Ruhe geben.
Aber ich habe es gut. Weil ich sehen kann. Weil ich sehen kann, was sie den anderen antun, und dankbar bin, das ich es nicht selbst erleben muss.
Ich bin nicht alleine. Es gibt eine Allriechende, einen Alleshörenden, einen Allesschmeckenden.
Am Allesfühlenden arbeiten sie noch. Man hört die Schreie.
Meine Augenbrauen zucken.
Bald werden sie das Experiment vervollständigt haben. Dann wird aus einem Experiment Wirklichkeit. Wirklichkeit für die Menschheit. Das Experiment Menschheit.
Ich sehe all die Hoffnung, die sie in uns gesteckt haben, das Vertrauen, dass das Experiment alles Geschehene wieder gut machen wird. Aber ist das, was passiert, gut?
Die Schreie, die durch die Gänge hallen? Die Schmerzen, die Qualen, die wir alle durchstehen? Die Ungewissheit, wie lange wir noch gebraucht werden? Die Zweifel, ob das Projekt die Rettung sein wird? Der Geruch von verbranntem Fleisch?
Am Anfang wurde uns, in Ketten an der Wand, nackt, blass, gesagt, wir würden die Menschheit vom Untergang bewaren, wir würden Leben retten. Wir waren aufgeregt. Wir waren stolz, wir fühlten uns wichtig, wir fühlten uns gut, weil wir gebraucht wurden. Unser Leben hatte einen neuen Sinn. Wir waren der Abschaum der Gesellschaft, lebenslang verurteilt, und doch wollten wir beweisen, dass wir für etwas gut sind.
Davon spricht heute keiner mehr. Wir sind nur noch wenige, die anderen waren „nicht kompatibel“. Wir, die übrig gebliebenen, sind bloße Wracks, Menschsein, Menschlein in ihrer niedrigsten Form. Und wir sollen die Menschheit retten – was für eine Ironie.
[...]
Vorbei an den anderen Zellen. Ich bin der Allsehende. Ich sehe die Qualen, die von den Gestalten darin ausgehen. Sie sind wie roter Dampf, der zwischen den Gitterstäben mir entgegen steigt. Es sind verschiedene Farbtöne, magentarot, purpurrot, blutrot.
Dann, eine Zelle ohne Dampf. Ich erstarre. Vorher kam hier immer eine Woge von heftigsten Qualen mir entgegen. Heute nicht.
Vorsichtig schaue ich im Vorbeigehen in die Richtung, erwarte, einen leeren Raum zu sehen. Aber die Zelle ist nicht leer. Ganz und gar nicht. Jemand, nein, etwas steht dort, bewegungslos, schwarz, starr, qualenlos. Gefühlslos.
...
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